Setzen, sechs, Herr Konrad Ott

Das Zeichen der TierrechtlerDas Zeichen der Tierrechtler

Wir hatten vor, mit unserem wöchentlichen Artikel inhaltlich dem Thema „Weihnachten“ Rechnung zu tragen. Um in der Thematik zu bleiben: Wenn du Gott (welchen auch immer) zum Schmunzeln bringen möchtest, erzähle ihm von deinen Plänen. Natürlich kam es anders als gedacht. Der Philosoph Konrad Ott gab der TAZ ein Interview, das uns geradezu vor die Füße fiel und von uns nicht unkommentiert bleiben kann …

Am 23.12.2016 gab der Philosoph Konrad Ott zum Thema Festessen und Tierrechte der TAZ ein Interview. Mit Überraschung mussten wir beim Lesen dieses Interviews feststellen, dass Herr Ott aus einer Position, die wenig Einblick in die Arbeit von Tierrechtlern zulässt, seine Meinung zu Tierrechten äußert.

So gibt es nicht „den Tierrechtler“, sondern es gibt Menschen, denen Tierrechte so wichtig sind, dass sie ihr Leben und ihr Handeln danach ausgerichtet haben. So leben alle Tierrechtler vegan, aber ihre Betätigungsfelder können recht unterschiedlich sein. Die Bandbreite reicht vom Tierrechtler, der Tiere befreit und damit auch Verurteilungen wegen Hausfriedensbruch und/oder Diebstahl in Kauf nimmt, bis hin zum Tierrechtler, der – man lese und staune – philosophisch arbeitet. Also durch Gespräche, Diskussionen, Schriften, Bloggen und Bücher in den mitunter täglichen Diskurs mit anders lebenden Menschen geht.

Die Forderung von Herrn Ott, dass Tierrechtler und Tierschützer Koalitionen bilden sollen, ist schon seit vielen Jahren ein normal gewordenes Miteinander. Tierrechtler wissen schon lange und sie handeln auch danach, dass sie auf die unterstützende Arbeit von Tierschützern nicht verzichten können. Und Tierschützer greifen gerne auf Netzwerke und das tiefgehende Wissen von Tierrechtler zurück.

Dass Herr Ott die meisten Nutztiere als „Augenblicksgeschöpfe, bezeichnet, denen man nichts nimmt, wenn man sie rasch und schmerzlos tötet“, wirkt mehr wie eine Floskel eines Werbefilms der Fleischindustrie als die Aussage eines Philosophen. Er selber bezeichnet Tiere als empfindliche Wesen und dennoch ist ein schnelles und schmerzloses Töten für ihn in Ordnung. Mal ganz abgesehen davon, dass schnell und schmerzlos nichts mit dem zu tun hat, was in Schlachthöfen stattfindet.

Auch die Aussage, dass die meisten Tiere keine ausgeprägte Individualität haben, ist überholt. Forschungen am Selbst-Ich von Tieren lassen uns zu ganz anderen Ergebnissen kommen. Selbst wenn – wie von Herrn Ott beschrieben – Schafe bei einer indischen Opferzeremonie ruhig blieben, spricht das nur für die Sanftmütigkeit dieser Tiere, aber nicht im geringsten dafür, dass Schafe nicht an ihrem Leben hängen. Wer den Blick in die Kinderstube von Schafen kennt oder wer das Schreien der Lämmer und Muttertiere gehört hat, wenn sie von einander getrennt werden, weiß, wovon wir reden.

Bizarr wird es, wenn Herr Ott darüber philosophiert, dass nur Tiere, die uns in unserer Kommunikation und Intelligenz nahe kommen, nichts auf unserem Speisetisch zu suchen haben. Mal abgesehen davon, dass kein Tier kommuniziert wie wir Menschen – was haben Kommunikation und Intelligenz mit Gefühlen zu tun? Tiere fühlen Angst, Unsicherheit, Liebe, Ausgrenzung und andere Gefühle so wie wir Menschen. Auch begründet Herr Ott seine Meinung über Nutztiere mit unserer Alltagsmoral. Dass die Alltagsmoral von nicht wenigen Menschen weit unter der Sozialkompetenz oder Moral im Tierreich ist, ist seit Marc Bekoff für uns auch nichts Neues. Am Ende reicht ein Blick in die Tagespresse, um zu dieser Erkenntnis zu kommen.

Auch Konrad Otts Sprung in die Juristerei macht seine Äußerungen nicht nachvollziehbarer. Sicherlich ist es richtig, dass wir in unserer Zivilisation für unser praktisch moralisches Leben Gesetze festlegen müssen. Auch für den Umgang mit Tieren. Aber Gesetze entstehen in einem langen Prozess, an dem normalerweise alle Betroffenen beteiligt sind. Um in solchen Prozessen Tieren eine Stimme zu verleihen, gibt es Tierrechtler.

In einem hat Konrad Ott Recht: Der Fleischkonsum muss drastisch heruntergefahren werden, schon allein um der eigenen Gesundheit wegen. Was Herr Ott komplett vermissen lässt, ist, welch übermäßigen Anteil das tagtägliche Fleisch auf unseren Tischen am katastrophalen Zustand des weltweiten Ökosystems hat.

Nachtrag: Dieser Artikel wurde unter dem Titel Schrei des Lamms u. a. in der Printausgabe der TAZ vom 31.12.2016 veröffentlicht.

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